Projekt 2:
„Partei-Nummer 109“

Seit mehr als zehn Jahren arbeite ich an der Recherche für einen sozialpsychologisch und politisch motivierten Roman, der die Geschichte und Geschichten von Einzelpersonen, Familien und sozialen Gruppen in Deutschland zwischen 1878 und 1949 erzählt. Im Mittelpunkt steht die Verstrickung von Tätern und Opfern im Zusammenleben, in Partner- und Familienbeziehungen, aber auch die Abfolge von Opfer- und Täterrolle in einer Person.

Meine eigene Familie hatte – wie die meisten Familien in Deutschland und Österreich – über die drei Generationen des beschriebenen Dreiviertel-Jahrhunderts nahen oder entfernteren Kontakt zu Opfern der jeweils Herrschenden: Juden, „Zigeunern“, Sozialisten, Kommunisten, radikalen Christen, Behinderten, Andersdenkenden. Sie hat, wie viele andere Familien auch, ihren Anteil an der schuldbelasteten Mittäterschaft; aber sie hat auch Täter unterschiedlichen Grades in verschiedenen Funktionen hervorgebracht. Und diese Familie hat zugleich auch die immer deutlich erkennbaren Opfer aus ihren eigenen „Kreisen“ verdrängt und „totgeschwiegen“.

Dieses kollektive Verdrängen und Verschweigen von unterstützten oder aktiv begangenen Verbrechen ebenso wie von wahrgenommenem Opfer-Leid wurde im „Land der Richter und Henker“ seit den sechziger Jahren langsam aufgebrochen. Das geschah in späten KZ-Prozessen, durch die APO-Revolte, in Teilen der deutschen Literatur, in Familiengesprächen und in der öffentlichen Diskussion, in Gedenkreden, -ritualen und -bauten seit den 1990er-Jahren. Und es geschieht bis heute in einem anschwellenden Strom von Büchern und Filmen über die Taten und Unterlassungen unserer Väter und Mütter, unserer Großväter online casino und Großmütter, sowie über die wechselnden und doch in ihrer Tiefenstruktur sehr konstanten Macht-, Profit- und Ausbeutungssysteme, in denen diese Menschen zumeist mehr volens als nolens aufgingen und mitwirkten.

Bei den Recherchen über meine eigene Familie seit dem 1870er-Krieg gegen Frankreich bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurden mir besonders zwei Dinge klar:

  • Viele individuelle Denk- und Verhaltensweisen, viele Einzelhandlungen, viele subjektive Machtlust- und Leidenserfahrungen bündeln sich unbewusst oft zu kollektiven, gesellschaftsprägenden, „Geschichte“ auslösenden Energieströmen.
  • Die lückenlose historische „Wahrheit“ über Personen, Gruppen, Tendenzen lässt sich trotz intensivster Recherche und reichlichem Privat- und Archivmaterial nicht mehr ermitteln. Es bleiben deshalb so große Lücken in individuellen Lebensgeschichten, dass historische Personen für Nachforschende trotz allem weitgehend fiktive Figuren bleiben. Nur eine relative Wahrheit wird also vom Schreiber einer Geschichte „nacherfunden“: Das nicht mehr Auffindbare wird durch das erfindende Schreiben gleichsam überbrückt – wie bei einem Kind, das von Stein zu Stein über einen Bach springt.

Diese Einsichten online casino haben mich davon überzeugt, dass es wenig Sinn hat, einen weiteren „Familienroman“ über die Katastrophenzeit des online casino 19. und 20. Jahrhunderts in Europa zu schreiben. Meine „Geschichte“ steht deshalb bewusst für viele – im Grundsatz ähnliche – Geschichten, die in dieser Zeit dicht nebeneinander, aber meist ohne Kenntnis voneinander passiert sind. Und meine Romanpersonen sind nicht „echte“ Personen meiner Familie oder deren Pseudonyme, sondern Stellvertreter-Figuren für viele andere: Täter oder Opfer oder „Zuschauer“, die es zwar nicht genau so gegeben hat, aber wie es sie gegeben haben könnte.

Aus diesen Gründen sprechen im Text meines Romans – der erste Teilband ist „geschrieben“, der zweite in Arbeit – auch drei „Stimmen“, die einander in der Ungewissheit der Geschichte (wie aller Geschichten) berichtend, erzählend, meditierend ergänzen:

  • Das Ich des Recherchierenden, der manchmal zu Beginn eines Kapitels, manchmal auch den Erzähltext unterbrechend, seine lückenhaften Befunde ausbreitet und beurteilt: Text in kursiver Times.
  • Ein anonymer Erzähler, der in langen Textpassagen versucht, die relative Wahrheit als Geschichte zu rekonstruieren: Texte in der gewöhnlichen Times.
  • Ein meditierendes Ich, das am Ende von Erzählteilen leise vor sich hin „spricht“: kursive Times.

Wenn Sie Interesse haben, können Sie die beiden ersten Abschnitte meines Romantextes hier lesen: Leseprobe. Ich freue mich auf Ihre Reaktion.

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